Science Express: Wissenschaft von ihrer unwissenschaftlichsten Seite

Es ist immer wieder amüsant, wie plump naiv das Bild auf die Wissenschaft im Mainstream unserer Gesellschaft ist. Früher hatte mensch ein tiefes Vertrauen in Gott, dass er alle Probleme lösen wird; jetzt nimmt die Wissenschaft diese Rolle ein.

Eines der elementaren Prinzipien der Wissenschaft -so Wissenschaftler mit Stolz geschwellter Brust – ist die Skepsis. Die Skepsis, ob es wahr ist, was als wahr präsentiert wird. Das kritische Hinterfragen, Prüfen und Testen also. Karl Popper sieht die Aufgabe des Wissenschaftlers gerade darin, das Bestehende zu widerlegen (“falsifizieren” im Popper-Sprech). Genau darin unterscheide sich die Wissenschaft vom Glauben.

Wenn die Wissenschaft also als eine Art Heilsversprechen daher kommt, hat sie diesen Pfad nicht mal eben verlassen, sondern läuft ihn in die entgegengesetzte Richtung, hin zum puren Glauben. Diese Ausstellung, die an die Wissenschaft heranführen und über sie informieren soll, lässt dieses “Ja, aber” der Wissenschaft einfach außer Acht. Gefahren, Risiken und Irrwege (Tschernobyl und Hiroshima in der Nuklearenergie, Hinweise auf Unfruchtbarkeit durch Agro-Gentechnik, Rassenkunde als früherer Ableger der Biologie, Finanzierungs- und Interessenfilz in der deutschen Gentechnikforschung usw.) werden einfach ausgeblendet.

Wenn wir dieses Bild von Wissenschaft in die Köpfe der Menschen innerhalb und außerhalb der “scientific community” pflanzen, landen wir geistig in einer Zeit vor der Aufklärung. Und Wissenschaft müsste sich in Illusionenschaft umbenennen.


*Nachschlag*

Um meine Kritik von einer generellen Ebene auf eine konkretere zu bringen, möchte ich hier exemplarisch ein Text der Ausstellung unter die Lupe nehmen:

I. Der vollständige Text zur Agro-Gentechnik im Zug:

Der Anbau wird kontrolliert1

Noch wissen wir nicht alles2 über die Wechselwirkung von genetisch veränderten Organismen und ihrer Umwelt. Daher unterliegt der Anbau der Biotech-Pflanzen strengen Kontrollen1 .

Genetisch veränderte Mais- und Sojapflanzen werden weltweit auf riesigen Flächen3 angebaut, während die Debatte um potenzielle4 Gefahren, Wagnis und Verantwortung noch nicht abgeschlossen sind. Sind wir reif genug5 für eine zweite “Grüne Revolution”6 ?

Meine Anmerkungen:

1“Strenge Kontrollen” heißt für Deutschland, dass beispielsweise beim gv Maisanbau gerade mal 150m Abstand zu konventionellen Feldern genügen. “Erklärt sich ein benachbarter Mais anbauender Landwirt damit einverstanden, kann der Mindestabstand auch verringert werden oder entfallen. Auch bei behördlichen Anbauversuchen kann der Mindestabstand unterschritten werden. Voraussetzung ist, dass vor der Blüte die männlichen Blütenstände (Fahnen) entfernt oder eingetütet werden, damit keine Pollen entweichen können.” (Quelle:www.biosicherheit.de) Zwar sind Maispollen etwas dicker als die anderer (windbestäubter) Gräser, aber doch keine Wackersteine, die plump zu Boden fallen! Wer glaubt, dass die Pollenverbreitung nach 150m Stopp macht, sollte sich die Erfahrungen in Kanada, den USA usw. anschauen.

Die Verunreinigung von vermeintlich GVO-freiem Saatgut ist längst auch in Deutschland Realität (“Kontrollen beim Saatgut löchrig wie ein Sieb”).

2 “Noch nicht alles” heißt übersetzt: “Wir erkennen immer mehr, wie wenig wir eigentlich wissen” Das stark vereinfachende Verständis der Gene als Legokasten (“Gendogma”) der 80er gerät in der Biologie langsam, aber sicher auf das Abstellgleis. Hochgradig komplexe epigenetische Geschehen, also solche, die das Ablesen von Genen regulieren, machen den Biotechnikern einen Strich durch die Rechnung. Die versprochenen Dürreresistenzen, die seit Jahrzehnten als ethische Legitimation für die Gentechnik herhalten, scheitern bisher daran.

3 “Riesige Flächen” in der Landwirtschaft sind mirnichten ein Segen für Mensch und Boden, sondern ein echtes Problem! Aber die ökologischen und ökonomischen Nachteile dieser Strukturen walze ich an dieser Stelle nicht aus, sondern nenne nur Stichworte: Erosion, Verbreitung von Pflanzenkrankheiten und Vetreibung von Menschen durch den agro-industriellen Komplex (Via Campesina! vs. Monsanto) .

4 “Potenzielle Gefahren” sind weniger potenziell als die vermeintlichen Erfolge. Obwohl über 90% der Forschung in diesem Bereich von Gentechnikkonzernen finanziert wird, gibt es doch einige wissenschaftliche(!) Studien, die Gefahren aufzeigen (z.B. : Wiener Studie: Gen-Mais kann Fruchtbarkeit von Mäusen senken, in: Ärztezeitung ). Oder die Arbeiten von Arpad Puszta (hier eine pdf). Oder die Auswirkungen auf Tagfalter u.a.Insekten. Etc pp. Die erhofften Dürreresistenzen und Beiträge zur Reduktion des Welthungers sind dagegen potenziell! Im Sience Express wird das genaue Gegenteil suggeriert.

5 “Reif genug” bescheinigt allen Kritikern, sie seien unreif?! So viel zur möchtegern Objektivität und Neutralität der Wissenschaftler.

6 Die “Grüne Revolution” hat nichts, aber auch gar nichts mit der Grünen Partei zu tun, sondern steht für eine massive Intensivierung der Landwirtschaft vor allem in Indien. www.wissen.de vermag es ausgewogener darzustellen, als der Science Express:

Grüne Revolution

Bezeichnung für die in den 1960er Jahren in Indien und anderen Entwicklungsländern einsetzende Umstellung der Landwirtschaft auf modernere Produktionsmethoden, um die Ernährung der stark wachsenden Bevölkerung sicherzustellen. Es erfolgte vor allem eine Umstellung auf Hochleistungssaatgut und Monokulturen, Einsatz mineralischer Düngemittel, Pflanzenschutzmittel und Bewässerung. Dadurch konnten die Erträge enorm gesteigert werden, aber es zeigten sich auch die negativen Folgen dieser Produktionsweise in einem drastischen Rückgang der Sortenvielfalt etwa bei den angebauten Getreidearten, einer erhöhten Anfälligkeit für Schädlingsbefall in den Monokulturen und einer Zerstörung der natürlichen Bodenfruchtbarkeit durch die künstliche Düngung. Außerdem gerieten die Bauern in eine fatale Abhängigkeit von den großen Agrar- und Chemiekonzernen, von denen sie das Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel beziehen mussten. Für viele kleine Bauern wurden diese Anbaumethoden auch einfach zu teuer.

Ich könnte jetzt noch weitere Texte des Zuges kommentieren. Aber belasse es mit einem abschließendem Lob (!) einer Darstellung im Zug. Zum Theme Geo-Engineering wird bemerkt: “Globale Maßnahmen zur Kompensation des Treibhauseffekts, wie das Geo-Engineering, sind schwer realisierbar und meist mit gravierenden Nebenwirkungen verbunden.Eine Abdunklung der Erde durch Schattenspender im All oder die gezielte Düngung der Meere zur Speicherung von CO2 können unabsehbare Folgen für das Weltklima habe.” – Bravo! Auch wenn ich mir vorstellen könnte, dass das da nur deshalb stehen darf, weil einfach kein Sponsor des Zugs in ein derartiges Porjekt verwickelt ist… Aber das ist natürlich hochgradig spekulativ ;)


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  1. 1. Zug verpaßt - Greifswald wird Grün

    Pingback vom 16. Oktober 2009 um 11:15

    [...] Klatt schreibt dazu auf dem Blog der Grünen [...]

  2. [...] Grüne Bürgerschaftsabgeordnete und Stupistin Anne Klatt beschäftigt sich auf dem Blog der Grünen Hochschulgruppe ebenfalls äußerst kritisch mit dem [...]

  3. [...] hat sich dagegen die Grüne Direktkandidaten der vergangenen Bundestagswahl, Anne Klatt, auf dem Blog der Grünen [...]

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