2 Jahre und kein Stückchen weiter
20. März 2012 von Peter | 1 Kommentar
„Die Konstruktion von Vergangenheit und Deutung der Gegenwart muß immer wieder neu erfolgen und justiert werden und bleibt doch episodisch, weil sie nicht mehr direkt an die Geschichte zurückgekoppelt werden kann. Das bedeutet aber auch – und das ist eine Binsenweisheit – das Tradition der Pflege bedarf. Erinnerungsorte – und das trifft auch auf den Universitätsnamen zu – sind immer erklärungsbedürftig, durch die eklatante Differenz von Vergangenheit und Gegenwart, die sie vorstellen. Darum ist ganz zurecht in der Debatte auf ein fehlendes Konzept der Universität im Umgang mit ihrem Namen hingewiesen worden. Das ist die eigentliche Herausforderung, die ein Name an eine Einrichtung, zumal an eine Universität, stellt, und an ihr wird sich die Entscheidung des Senats, wie auch immer sie ausfällt, messen lassen müssen.“
Vor gut 2 Jahren, am 17.3.2010, entschied der Senat der Universität Greifswald mit 22 zu 12 Stimmen einen Antrag auf Ablegung des Namenszusatzes „Ernst Moritz Arndt“ abzulehnen. Vorausgegangen war eine heftige Debatte mit oberflächlichen und vertieften Argumenten, bei der auch die eigens eingesetzte Senatskommission gespalten war. Die Namensbewahrer um Reinhard Bach, Irmgrad Garbe und Dirk Alvermann schlossen ihr Statement pro Arndt mit einem Argument ab, das im Laufe der Debatte immer stärker in den Vordergrund rückte und mit dazu beitrug, dass die Umbenennungsbefürworter*innen nach anfänglicher Meinungsführerschaft immer weniger durchdrangen. Das eingangs genannte Zitat war ein zentraler Punkt: Arndt sei vielleicht für manche ein Stein des Anstoßes, aber nur durch eine ständige Beschäftigung damit sei die eigene Geschichte für den Identitätsbildungsprozess des Uni gewinnbringend. Anstatt diese Aufgabe mit einer Umbenennung zu umgehen, müsse endlich ein Umgang mit ihr gefunden werden.
Und was ist in den letzten zwei Jahren passiert?
Götz Aly war mit seinem Buch „Warum die Deutschen, warum die Juden?“ letzten Sommer in den Top Ten der meistverkauften Sachbücher. Darin wird untersucht, was das Spezifische am deutschen Antisemitismus ist, weshalb er nie für möglich gehaltene Schrecken verbreitet hat. Das Buch wurde aufgrund der ein oder anderen umstrittenen These breit in den Feuilletons kontrovers diskutiert, aber die Feststellung, Arndt habe zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit seinen völkisch-rassistischen Schriften zu den Wegbereitern des deutschen Antisemitismus’ gehört, erntete keinerlei Widerspruch. Aber das ist ja eine bundesweite Debatte, wir sind hier schließlich in Vorpommern.
Ok, die Nationalen Sozialisten präsentieren das Konterfei Arndts in ihrem Logo auf auf ihrem tollen Blog… Sorry, Nazivergleich; ich weiß, dass Arndt nichts von den Nazis wissen konnte, und außerdem ist das ja vorpommersche Provinz, wir sind an der Uni.
Nun, vom Hörensagen habe ich erfahren, dass Ernst Moritz Arndt in einem Seminar behandelt wurde, der Rektor hat bei der feierlichen Immatrikulation in einem Satz erwähnt, dass Arndt Vor- und Nachteile hat (und im Gegensatz zur Unihomepage auch das Wort „antisemitisch“ benutzt), vermutlich hat auch der/die ein oder andere Dozent*in eine Bemerkung zu Arndt fallen lassen, aber ein Identitätsbildungsprozess?

Bild: Fleischervorstadtblog
Die hedonistische Internationale hat eine Umbenennung zelebriert, um die Totenstille um Arndt zu durchbrechen, und wurde dafür in einer Pressemitteilung des RCDS als undemokratisch attackiert. Nicht, dass man das Ernst nehmen bräuchte, weder die Pressemitteilung noch den RCDS an sich. Aber zum großen zweijährigen Ehrentag der Arndtverteidigung wurde nun extra verkündet, dass nicht demonstriert wird. Auch der anfängliche Enthusiasmus der Arndt-Beschützer*innen scheint nachgelassen zu haben, und jetzt ist sie vollendet, die Totenstille um den Namenspatron.
Und was bedeutet das für die großen Worte des noch größeren Pro-Arndt-Berichts?
An einer bachelorisierten Uni, in der jede (Nicht-)Leistung bewertet wird, heißt das ganz klar: Prüfung nicht bestanden! Aber weil wir linken Chaot*innen, die bisher als einzige die Totenruhe gestört haben, für Erhalt bzw. Wiedereinführung des Freiversuchs sind, geben für noch eine Chance, und schrauben die Erwartungen herunter. Bald gibt es mit tollen Jubiläen ganz einfache Gelegenheiten, sich mit dem Namen und der Namensgebung auseinanderzusetzen:
- Superjubiläumsjahr 2013: 80 Jahre Ernst-Moritz-Arndt-Universität! Wenn das kein Grund zum Jubeln ist, noch sechs mal länger dann haben wir die 477 schändlichen ruhm- und arndtfreien Unijahre überholt!
- Oder: 200 Jahre „Über den Volkshaß und über den Gebrauch einer fremden Sprache“! Wer erinnert sich nicht? „Ich will den Hass gegen die Franzosen, nicht bloß für diesen Krieg, ich will ihn für immer.“
- Und falls das nichts wird, letzte Chance 2014: 200 Jahre „Geist der Zeit, 4. Theil“! Auch ein Kracher! „Mann sollte die Einfuhr der Juden aus der Fremde in Deutschland schlechterdings verbieten und hindern. […] Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein, und darum will ich nicht, daß sie auf eine ungebührliche Weise in Deutschland vermehrt werden.“
…Fortsetzung folgt… die Frage ist nur, von wem…

1. André
Kommentar vom 20. März 2012 um 20:52
Schön, dass ihr das Thema auch nochmal aufgreift. Solang der Name nicht abgelegt ist, muss das Thema eigentlich auf der Tagesordnung bleiben. Danke!